Inside Zensus 2011: „Interviewer“-Erfahrungsbericht

Oha, lest euch mal diesen gruseligen Bericht zu den „Interviewern“ (= Volkszählern) zum Zensus 2011 durch. Da sind echt tolle Kracher drin. Zum Beispiel wird mit Geld gelockt (was auch im Zensus-Gesetz steht), auf der Info-Veranstaltung heißt es dann aber plötzlich „ehrenamtlich“. Außerdem soll vor dem Termin Karten eingeschmissen werden, wann die Volkszähler vorbeikommen. Dieses ist natürlich unentgeltlich, es gibt nur für die Fragebögen Geld. Ein weiterer Knaller ist, dass die Handys zur Verfügung gestellt bekommen, aber keine Kugelschreiber. Außerdem sind die Volkszähler während ihrer Tätigkeit nicht versichert!

Das sind nur ein paar Brüller, lest euch das mal ganz durch. Arbeitsbedingungen, die man sonst nur aus Dokumentarfilmen kennt, wenn irgendein Multi-Konzern in Bangladesch herstellen lässt. Das ist schlimmer als Zeitungen austragen!

Ein Augenmerk sei auch auf den „Fortschrittsbogen“ geworfen, der nachweisen soll, dass die Volkszähler auch gearbeitet haben. Dort werden heimlich weitere Daten notiert:

Und dort hinein kommen auch die Anmerkungen zur befragten Person, die besagter Mitbürger nicht erfahren soll: Allgemeiner Eindruck, ob er die Wahrheit sagt, was einem hinsichtlich der Wohnung aufgefallen ist usw. – teils stichwortartig, teils codiert. Wenn dem Amt irgend etwas daran aufstößt, dann hakt es nach – und beruft sich dabei auf die o. a. EU-Verordnung.

Unfassbar.

Auch logistisch ist das ganze enorm, denn die ganzen Fragebögen müssen ja auch wieder zurück zum Statistikamt. Am Ende kommt man dann zu dieser Rechnung:

Rechnet man jetzt Zweittermin (worst case: 200 Stunden) und Vorbegehung (min. 16 Stunden) zum Interview noch hinzu und geht schlimmstenfalls von unrichtig oder unvollständig ausgefüllten Bögen aus, dann kommt man auf im bösesten Fall auf 416 Arbeitsstunden (das sind 2,6 Monate Vollzeitstelle), in denen 250 Euro verdient werden – ergo auf 60 Cent Stundenlohn vor Steuern und selbst zu tragenden Fahrtkosten. OK, etwas mehr dürfte es real wohl werden – so vielleicht ein Euro pro Stunde: Großzügiger Staat!

Es sind übrigens nur bis zu 175 € steuerfrei, der Rest muss versteuert werden. Na, will sich nicht jemand noch schnell als Volkszähler bewerben? 🙂

Internetsperren durch Glücksspielstaatsvertrag

Hat wirklich jemand gedacht, die Internetsperren seien jetzt auf Ewigkeit weg? Nichts da: Nachdem es mit Zensursula und beim Jugendmedienstaatsvertrag (JMStV) nicht geklappt hat, wird es jetzt bei der Novellierung des Glücksspielstaatsvertrag (GlüStV) versucht. Wie DIE LINKE berichtet heißt es laut einem Printbericht der Süddeutschen Zeitung:

Man werde dafür sorgen, dass die Internetdienste unerlaubte Angebote sperrten, und man werde den elektronischen Zahlungsverkehr zu den betreffenden Firmen unterbrechen.

Das ganze wird natürlich hinter verschlossenen Türen verhandelt, der Entwurf des GlüStV ist nicht öffentlich.

Ein besseres Beispiel hätten die Ministerpräsidenten nicht liefern können, um zu zeigen, dass sie immernoch nicht verstanden haben, dass wir hier keine Zensur haben wollen. Ich glaube, jetzt wird auch niemand mehr sagen, dass die Ablehnung in NRW beim JMStV aus Überzeugung war. Nein, das war aus politischen Gründen – denn NRW hat bei dem jetzigen Treffen zum GlüStV keinerlei Bedenken geäußert:

Lediglich Schleswig-Holstein prüft noch einige Fragen bei dem Glücksspiel-Staatsvertrags.

Und somit soll der Vertrag schon Anfang Juni unterzeichnet werden. Das heißt für uns, dass wir schnell was dagegen unternehmen müssen – Politiker anschreiben, Protestieren, versuchen die Internetsperren aus der Novellierung rauszukriegen. Und das, wo gerade der Zensus vor der Tür steht.

Eins muss man den Politikern lassen: Mit ihren vollkommen weltfremden Gesetzen und Gesetzesentwürfen halten die uns gut auf Trab. Kein Wunder, dass Otto-Normalverbraucher es so gut wie garnicht schafft, etwas gegen die Politik zu tun, denn bei einer 40-Stunden-Woche ist es kaum noch möglich, sich in der Freizeit auch noch mit dem aktuellsten Politik-Wahnsinn zu beschäftigen. Dahinter steckt ein (erfolgreiches) System. Deswegen sollen auch möglichst viele Leute arbeiten gehen.